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Die
Großstadtkojoten
im Raum Chicago Die
fortschreitende Zivilisation zerstört das Habitat des Kojoten immer mehr.
Doch wie Forscher herausgefunden haben, gedeihen Kojoten dafür in
Vorstadtvierteln, Büroparks, Flughäfen oder auf den Grundstücken von
Einkaufszentren umso besser. Spät nachts und
zeitig am Morgen fährt der Wildbiologe Paul Morey mit seinem abgenützten
Pick-up samt Antenne am Autodach durch die Gegend, um nach Kojoten
Ausschau zu halten, die zuvor mit einem Radiohalsband versehen worden
waren. Einige Leute rufen aus
Angst, er wäre ein Regierungsspion die Polizei an. Andere wiederum heulen ihm mit nachgeahmten Kojotenlauten zu,
wenn er in der Vorstadtprärie auf Band aufgezeichnete Klagerufe von
Kojoten abspielt. Morey macht das nichts aus. Er weiß, daß dies ein
wichtiger Teil in der landesweit umfangreichsten Studie über Kojoten, die
an den Ausläufern von Großstädten leben, ist; einer Studie, die im Raum
Chicago durchgeführt wird. Ich
ernte jede Menge seltsame Blicke, wenn ich Kotstücke einsammle,
sagte der leise sprechende Mann, der in rund achtzehn Monaten 600
Kojotenhaufen untersucht hat, um dadurch deren Eßgewohnheiten besser erklären
zu können. Eine Frau sagte zu
mir: erhält mein Kind dafür was bezahlt, wenn es dasselbe tut?.
Ich schüttelte bloß den Kopf und sagte Ja. Wie
Waschbären, Füchse, Hirschwild und Wanderfalken haben sich Kojoten in
den großstädtischen Zonen quer durch Nord- und Zentralamerika eine
gesunde Existenz geschaffen. So stieg in der Region Chicago die Anzahl der
als Störetiere (nuisance
animals) gefangenen Kojoten von 17 Exemplaren 1990 auf 320 im Jahr
1999. Die wuchernde Erschließung
hat die natürlichen Lebensräume des Kojoten zerstört. Gleichzeitig
entstand dadurch aber eine kongeniale, wenn auch künstliche Alternative:
Vorstadtvierteln, Büroparks, Flughäfen oder Flächen rund um
Einkaufszentren. Der Anstieg ihrer Population ist aber für den Menschen,
der buchstäblich zwischen ihnen lebt trotz allem kaum merkbar. Der
beunruhigende Aspekt an diesem Arrangement bleibt, daß Kojoten obwohl
sie Pflanzen und Abfälle essen auch auf Jagd gehen. Sie sind dafür
bekannt, Haustiere zu attackieren und in seltenen Fällen auch Menschen.
Morey und Stan Gehrt, jener Wildbiologe, der die dreijährige Studie
koordiniert, planen diese Ängste zu lindern. Sie wollen ein klares Bild
über das Leben der oftmals verteufelten Tiere liefern, die für ihre
Anpassungsfähigkeit und Unverwüstlichkeit bekannt sind. Gehrt, der für die
Max McGraw Wildlife Stiftung in East Dundee arbeitet, sagt, daß die in
Cook County vom Amt für Tier- und Tollwutkontrolle fundierte Studie Ende
des nächsten Jahres wahrscheinlich fertiggestellt sein wird. Nach zweijähriger
Tätigkeit haben die Forscher fast sechzig Kojoten gefangen und mit
Ohrmarken und Radiohalsbändern versehen. Das ist eine überraschend hohe
Anzahl, die anzeigt, daß die Population höher als ursprünglich
angenommen ist. Morey, Gehrt und drei andere Forscher untersuchen die
Reproduktion, Überlebensrate, Todesfälle, sozialen Systeme und
Krankheiten der Kojoten. Des weiteren werden sie versuchen, eine akkurate
Zählung aller in diesem Gebiet vorhandenen Kojoten durchzuführen. Aber
das wird der Teil des Projektes, bei dem ich mich am wenigsten wohlfühle,
erklärt Gehrt. Denn einleitende Forschungen ergaben sehr zu Gehrts Überraschung
und im Gegensatz zu ihren ländlichen Gegenstücken, daß Großstadtkojoten
weite Streifgebiete haben, ebenso wie wechselnde Territorien und
Allianzen. Das macht sie ungefähr so leicht aufspürbar wie den Wind. Aus
der Radioüberwachung ging hervor, daß die Tiere in 24 Stunden über 25
Meilen wandern können.
Evanston rückverfolgt werden, ehe er durch einen Gewehrschuß getötet
auf einem Parkplatz bei OHare aufgefunden wurde.
Wieder ein anderer
Kojote, aufgelesen in Poplar Creek, zog an die 100 Meilen in ein ländliches
Gebiet nordwestlich von Rockford, wo ein Jäger ihn erschoß. Letzte Woche
tauchte in einem Hinterhof von Winnetka ein toter Kojote auf, der vom weit
westlich gelegenen Vorort Wayne stammte. Erschossen zu werden
ist laut Gehrt die dritthäufigste Todesursache für Kojoten aus dem großstädtischen
Raum. Die Nummer eins ist das Überfahrenwerden durch Autos oder Trucks,
gefolgt durch allgemein gestörte Gesundheit, sei es Krankheit,
Verletzung oder Hunger. Dennoch überleben an die 65% der Tiere ihr erstes
Jahr; ein Prozentsatz, der im Unterschied zum ländlichen Gebiet weit höher
liegt, sagt Gehrt. Die Anfänge der
Zuwanderung von Kojoten in Städte reichen bis in die späten 1800er zurück;
damals, als die Regierung mit einer energischen Vernichtungskampagne in
den Staaten westlich des Mississippi-Tales begann; hauptsächlich, um die
Rißgefahr für die Viehherden herabzusetzen. Heute finden sich Kojoten
von Alaska bis Costa Rica in allen erdenklichen Habitaten, reichend von
abgelegenen ruralen Gegenden bis zu dicht bevölkerten Großstadtzentren
wie Los Angeles oder New York.
Sobald
sie selbst aneinandergedrängt werden, werden auch ihre Populationen
komprimiert. Sie gehen immer dahin, wo noch Platz ist. Kojoten sind wie
Wasser: Sie füllen jede Nische aus und haben sehr wahrscheinlich Erfolg
damit. In Stadtgebieten
gedeihen sie deshalb so gut, weil sie ein reiches Menue an Kaninchen u.a.
Nagern, Rehwild, Gänsen, ja sogar Fasanen und außerdem keine natürlichen
Beutekonkurrenten wie Wölfe oder Pumas haben. Kojoten sind
opportunistische Predatoren. Eine Handvoll ihrer von Morey analysierten
Kotproben enthielt Spuren von Katze.
Und letzten Monat erhielt die Polizei von Bartlett eine Beschwerde,
daß ein Kojote einen Yorkshire Terrier aufgefressen hätte. In Südkalifornien,
wo Generationen von Kojoten in nächster Nähe zum Menschen aufwuchsen,
verloren sie ihre Scheu. Letztes Jahr registrierte dort die staatliche Behörde
für Fischerei und Wild 17 Angriffe von Kojoten auf Menschen. Acht davon
waren so schwer, daß eine Spitalsbehandlung notwendig war. Im Gegensatz
dazu meiden laut Gehrt und Morey die Kojoten von Illinois den Menschen.
Sie hätten genügend Möglichkeiten zum Angriff, aber sie zeigen kein
Interesse, äußert sich Gehrt jüngst bei einer nächtlichen Aufspürung
von Kojoten in Streamwood. Dort stieß er auch auf eine von Büschen
verdeckte Wurfhöhle. In dieser
Umgebung lebt ein Rudel Kojoten und die Menschen haben keine Ahnung davon. Gehrt sagt, daß die
Tiere, die er verfolgt, entweder in Rudeln oder alleine herumstreifen. Sie
leben am OHare Flughafen, in Bereichen von Barrington, Inverness, West
Chicago, Carol Stream, Winfield und Geneva. Ein Kojote lebt auf einem
marschigen Streifen Unterholz, umgeben von einer Kirche und einem Park in
einem Ortsteil von Streamwood. Schon routinemäßig marschieren sie bei
den Parkplätzen der Woodfield Mall herum und rasten hinter dem Postamt
von Schaumburg. Im Nachmittagsverkehr überqueren sie die I-290 ebenso wie
die geschäftige Roselle Road. Auf dem Flughafen Schaumburg jagen die
Kojoten Flugzeugen nach und nahe des DuPage Airports stolzieren sie über
den Golfplatz. Trotz allem wurde bisher von ihnen kein einziger Mensch
angefallen. Kotproben belegen,
merkt Gehrt an, daß Kojoten im Raum Chicago genug Rehwild, Gänse oder
andere Tiere zum Fressen finden, um damit auszukommen, ohne großteils auf
Jagd zwischen Abfalltonnen von Restaurants oder privaten Mistkübeln gehen
zu müssen. Alle diese Beobachtungen zeigen, daß Kojoten friedlich mit
Menschen zusammenleben können. Vielleicht sogar besser als Hunde, die während
des Zeitraumes von 1990 bis 2000 in den Vereinigten Staaten mehr als 300
Menschen das Leben kosteten. Zum Vergleich: Gehrt fand östlich des
Mississippi nur einen Fall, wo ein Kojote einen Menschen angegriffen hat;
und zwar im Gebiet um Boston. Sie
können den Menschen nicht entkommen, sagt der Forscher, also müssen sie mit ihnen zusammenleben. Und einige Kojoten sind darin
wirklich sehr, sehr gut. Dieser
Artikel von Ted Gregory erschien am 12.Mai 2002 in der Chicago
Tribune © der dt. Übersetzung: Mag. Alexander Willer, CANIS |
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