Kojoten: Liebt sie und laßt sie leben!

Aufsatz von Prof. Marc Bekoff über den "proteischen Predator"     

In Maine dürfen Kojoten mittels Schlingfallen (snares) verfolgt werden, was einen furchtbaren und langandauernden Tod mit sich zieht;  in Utah steht auf Kojoten eine Kopfprämie, ungeachtet der Tatsache, daß der Kojote eines der Maskottchen der Olympischen Spiele von Salt Lake City ist. Die Jagd mittels Schlingfallen ist eine unglaublich inhumane wie ethisch verwerfliche Methode. Im Bundesstaat Colorado hat die Wildlife Commission für Großwildjäger

eine neue Möglichkeit geschaffen, damit sie während der Jagd auf „Großwildarten“ auch den kleinwüchsigen Kojoten erlegen dürfen, ohne die dafür übliche Lizenz für „small game“ vorweisen zu müssen. Es ist wenig überraschend, daß die Maultiervereinigung von Colorado diese Vorgangsweise unterstützt, da sie die Ansicht vertritt, eine Reduktion des Kojotenbestandes bedeute gleichzeitig einen Rückgang des Risses durch Raubtiere.

„Old man coyote“ ist ein erstaunliches Lebewesen. Geliebt, gehaßt oder von vielen gefürchtet, hat er bisher allen Versuchen der Bestandskontrolle ein Schnippchen geschlagen. William Bright schreibt in seiner gelungenen Sammlung von Erzählungen: „Beim Großteil der amerikanischen Indianerkulturen gilt der Kojote als ein Gauner par excellence.“ Die Natives porträtieren ihn als schlauen Schummler, Dieb, Nimmersatt, Gesetzesbrecher und Spielverderber. Alles aufgrund seiner unheimlichen wie erfolgreichen Überlebens- und Fortpflanzungsfähigkeit in einer weiten Reihe von Habitaten; und das unter unwirtlichen Bedingungen. Kojoten überstehen nicht nur Auseinandersetzungen mit nicht-menschlichen Raubtieren (obwohl sie von den Wölfen sukzessive aus dem Yellowstone Nationalpark vertrieben werden), sondern auch mit dem Menschen selbst. Dieser versucht die Kojotenzahl durch unglaublich brutale Methoden zu kontrollieren, oft durch gut organisierte Jagden, bei denen jene Person einen Preis erhält, die die meisten Kojoten getötet hat. Nicht selten nehmen diese Massenmorde den Charakter eines Familienausflugs an.

Das bundesweite Programm der Wildlife Services (WS) - einst ADC, Animal Damage Control, genannt -, schlachtet jedes Jahr Zehntausende Kojoten ab (1999 etwa 86.000. Das sind 10% mehr als im Jahr zuvor; und das trotz der Beteuerungen, daß das Programm auf nicht-letale Methoden umsteigt). Der Grund: Kojoten gelten als hemmungslose Viehmörder.  Herdenschutzprogramme kosten dem Steuerzahler zwischen 10 und 11 Millionen Dollars jährlich. In Colorado wird 90% des Wildlife Services-Budgets (1,1 Millionen §) für letale Wildtierkontrolle verwendet. Schon seit 1885 werden bundesweite Ausrottungsprogramme durchgeführt. Während der letzten 50 Jahre wurden ca. 3,5 Millionen Kojoten getötet. Die Tötungsmethoden teilen sich wie folgt auf:

Fallen: 28 % Von Flugzeugen aus erschossen: 33 %
Gift: 21 % Schlingfallen u.a. 18 %

Natürlich fielen diesem Tötungsprogramm auch viele Haushunde oder sogar bedrohte Tierarten zum Opfer. In Colorado wurden alleine während der Erntezeit 1999/2000 um die 26.000 Kojoten von Privatleuten getötet.

Im Jahr 1999 erschoß man mittels luftgestützter Jagd fast 31.000 Kojoten (gemeinsam mit 17 Raben, 180 Rotfüchsen und 390 Bobcats). Angaben der in Boulder, Colorado, beheimateten Umweltschutzorganisation Sinapu zufolge, gab es seit 1989 18 Abstürze, an denen Flugzeuge für die luftgestützte Jagd beteiligt waren. Dabei starben sieben Menschen, 21 wurden verletzt. Der Steuerzahler muß für die luftgestützte Jagd pro Tier zwischen 180 und 800 Dollars aufbringen, was eine Gesamtsumme von 5,7 Millionen Dollars per anno ergibt. Oft werden Zehntausende Dollars verschwendet, um einen einzigen Kojoten aufzuspüren, der ein paar Hundert Dollars Schaden an den Herden verursachte; oder in vielen Fällen überhaupt für keinen Schaden sorgte.

Eine von der Utah State University durchgeführte Studie belegte, daß die luftgestützte Jagd auf Kojoten ineffektiv ist. (In einer anderen Studie derselben Universität wurden oft schwer verletzte Kojoten für eine Zeitlang in Beinhaltefallen (leghold traps) gelassen, um den  Effekt von Beruhigungsmitteln unter starken Schmerzen zu testen.) Fest steht, daß wahlloses Töten nicht funktioniert, da dem vielseitigen Verhalten des anpassungsfähigen Raubtiers bisher zu wenig Aufmerksamkeit gezollt worden ist. Seuchen und hygienische Mißstände kosten oft mehr Nutztieren das Leben als Kojoten oder andere Predatoren dazu fähig wären. Nur in ganz seltenen Fällen wird der betreffende „Problemkojote“ auch gefangen oder getötet. Und wenn das geschieht, nehmen andere seinen Platz ein. Es gibt sogar Beweise, daß in Gebieten, wo Kojoten stark verfolgt werden, ihre Geburtsrate und Wurfgröße ansteigt.

Seit mehr als 25 Jahren studiere ich nun – parallel zur Forschung meiner Kollegen - Kojoten. Es stellte sich dabei heraus, daß es irreführend ist, von „dem“ Kojoten zu sprechen. In dem Moment, wo jemand beginnt, wild Verallgemeinerungen zu machen, ist er schon des Irrtums überführt. Ein Beispiel: in manchen Gegenden leben Kojoten alleine, in anderen wiederum mit Partnerin oder aber in Rudeln, den Wölfen ähnlich. In diesen Rudeln gibt es „Onkeln“ und „Tanten“, die bei der Aufzucht der Jungen helfen. Manchmal leben Kojoten territorial, manchmal nicht. Kurz um, Kojoten sind Opportunisten. Kojoten stellen auch einen sehr wichtigen Bestandteil des Ökosystems dar.Sie helfen bei der 

coyote

Bestandsregulation  von Tierarten auf verschiedenen Ebenen der Nahrungsstufe. Kevin Crooks und Michael Soule studierten die komplexen Interaktionen zwischen Kojoten und anderen Raubtieren wie Hauskatzen, Opossums, Waschbären, scrub birds (Kalifornische Wachtel, Roadrunner oder dem Kaktuszaunkönig in der Nähe von San Diego). Die beiden Wissenschafter fanden heraus, daß die Verbreitung dieser Vogelarten in jenen Gebieten weiter ist, in denen Kojoten vor- oder sogar im Übermaß vorkommen. Hauskatzen, Opossums und Waschbären meiden hingegen solche Zonen (In Gegenden, wo beide koexistieren, töten Kojoten oft Hauskatzen.) Diese Forschungen sind ein exzellentes Beispiel für die Wichtigkeit von Langzeitprojekten zur Untersuchung des komplexen natürlichen Netzes, das auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar wird.

Im Gegensatz zu Kojoten sind Hauskatzen „Freizeitjäger“; sie töten Vögel auch dann, wenn deren Population bereits niedrig ist. Crooks und Soul fanden heraus, daß 84% der freilaufenden Katzen Beute ins Wohnhaus brachten. Katzenbesitzer bestätigen, jede freilaufende Katze bringe pro Jahr im Schnitt 24 Nagetiere, 15 Vögel und 17 Echsen nach Hause; eine große Opferzahl. Das Ausmaß der Vogeljagd war in diesen Gebieten ungedämpft und mindestens 75 örtliche Ausrottungen im letzten Jahrzehnt resultierten daraus.

Eine außergewöhnliche Summe von Geld und Zeit wird in die „Kojotenkontrolle“ investiert. Dennoch funktioniert sie nicht, denn wäre dies geschehen, wäre die Populationszahl unter Kontrolle, und die „Kontrolleure“ hätten Zeit, wirtschaftlich sinnvolleren Dingen nachzugehen. Ich vermute, daß einer von uns, wäre er in seinem Job auch nur annähernd so unerfolgreich, sich um neue Arbeit umsehen müßte.

Seien wir den Kojoten dafür dankbar, daß sie so wunderbare Geschöpfe sind. Sie bieten uns wertvolle Lektionen im Überleben an. Und obwohl sie unsere Geduld auf die Probe stellen, sind sie Musterbeispiele dafür, wie Tiere durch Anpassung erfolgreich in einer von Menschen dominierten Welt zu überleben vermögen. Wie der mythische griechische Proteus, der nach Lust seine Form verändern und dadurch der Gefangennahme entgehen konnte, sind Kojoten wahrliche „proteische Predatoren“. Sie schreiben eine Erfolgsgeschichte. Möglicherweise sind sie aber unglückliche Opfer ihrer eigenen Erfolgsstory.

Zum Autor:

Marc Bekoff lehrt Biologie an der Universität von Colorado in Boulder. Er studiert Kojoten und andere Wildtiere seit mehr als 30 Jahren. Jüngst wurde sein Buch „Coyotes: Biology, behavior, and management“ neu aufgelegt. Kontakt: www.ethologicalethics.com 

Kojoten: Liebt sie und laßt sie leben!

© Übersetzung: Mag. Alexander Willer, Tierrechtsverein CANIS

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